Von Wirtschaftskrise ist in Chinas Bauindustrie wenig zu spüren. Erhöhte Regierungsinvestitionen, darunter ein Teil im Rahmen des Konjunkturprogramms, haben 2009 wesentlich zur Stärkung der Branche beigetragen. Auch 2010 geben sie positive Impulse. Trotz Krise investiert die Bauwirtschaft kräftig weiter; in einigen Baustoffsektoren wachsen die bereits vorhandenen Überkapazitäten. Insgesamt sieht die Branche positiv in die Zukunft, auch wenn Spekulationsblasen auf dem Immobilienmarkt für Unsicherheit sorgen.
VR Chinas Bauwirtschaft meistert die Krise bislang ohne große Einbrüche. Sie erreichte 2009 einen Produktionswert von 7.586 Mrd. Renminbi Yuan (RMB, etwa 796 Mrd. Euro, 1 Euro = 9,53 RMB - Jahresdurchschnitt 2009) und damit einen Zuwachs von 22,3%, so die China Construction Industry Association. Die Gewinne der Bauunternehmen stiegen nach Angaben des Verbands um 21%. Die Anlageninvestitionen legten nach Angaben des National Bureau of Statistics (NBS) 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 57,6% zu. Der Trend scheint sich 2010 fortzusetzen. In den ersten fünf Monaten stiegen die Investitionen der Branche laut NBS weiter um 25,4% auf rund 57 Mrd. RMB; die Produktion wuchs im 1. Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 25,6%. Branchenkenner gehen für das Gesamtjahr 2010 von einem zweistelligen Branchenwachstum aus.
Chinas Bauwirtschaft profitierte 2009 maßgeblich von den Hilfsmaßnahmen der Regierung im Rahmen des Konjunkturprogramms. Die öffentlichen Investitionen beliefen sich im vergangenen Jahr auf insgesamt 924 Mrd. RMB und damit knapp 504 Mrd. RMB mehr als im Vorjahr. Davon wurden 44% in den Bau von günstigem Wohnraum investiert, 23% in große Infrastrukturprojekte sowie 14% in den Wiederaufbau des Erdbebengebiets in der Provinz Sichuan. Für 2010 stellt die Zentralregierung insgesamt 577 Mrd. RMB bereit. Zwar ist dies eine klare Verringerung, jedoch weisen deutlich steigende Anlageinvestitionen im Bereich Transport, Lagerung und Post (Jan. bis Mai 2010 +27,5%, darunter plus 54,4% im Segment Luftfahrt) auf Fortführung und Neubeginn einiger Projekte sowie eine erhöhte Investitionsbereitschaft in den Kommunen hin. Nach wie vor hält China an seiner mittel- bis langfristigen Planung zum Infrastrukturausbau fest.
Vor diesem Hintergrund werden die Aussichten der Bauwirtschaft relativ positiv eingeschätzt. Das Marktforschungsunternehmen Global Construction Perspectives und Oxford Economics prognostizieren in ihrem Bericht “Global Construction 2020”, dass China im Jahr 2018 die USA als weltweit größten Markt für Bauleistungen ablösen wird. In zehn Jahren, so der Bericht, soll Chinas Baumarkt einen Wert von rund 2,4 Bill. US$ erreichen und damit etwa 19,1% des Produktionswerts der Bauindustrie weltweit stellen. Bereits jetzt ist der Produktionswert fast doppelt so groß wie der des drittplatzierten Japan.
Am langsamsten dürfte der Wohnungsbau wachsen, so der Bericht. Eine anhaltende Diskussion über Ausmaß und Gefahr von Spekulationsblasen sowie Regierungseingriffe in den Markt sorgen hier für Verunsicherung. Ein Ende der expansiven Kreditvergabe dürfte sich im Verlauf 2010 bremsend auf den Immobilienmarkt auswirken. Um die zumindest regional vorhandene Überhitzung abzukühlen, hat die Regierung seit Frühjahr 2010 ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergriffen. Zu diesen zählen unter anderem der Rückzug branchenfremder Staatsfirmen aus dem Immobiliengeschäft, vermehrte Bereitstellung von Bauland, erhöhte Eigenkapitalanforderungen für den Wohnungskauf, keine Kreditvergaben ab dem Kauf von Drittwohnungen sowie Auflagen für die Immobilienentwickler für den Vorverkauf von Wohnungen. Ziel der Regierung ist eine moderate Abbremsung des Immobilienmarktes vor allem im Luxussegment und in den First-Tier-Städten. Investitionen in diesem Segment dienen vor allem der Werterhaltung von Kapital und kaum der tatsächlichen Wohnnutzung. Inflationserwartungen aufgrund der expansiven Geldpolitik dürften zumindest 2010 den Trend hin zu Immobilieninvestitionen stärken. CEInet geht von steigenden Wohnungspreisen bis 2015 aus. Auch in den ersten fünf Monaten 2010 kletterte der Quadratmeterpreis für Neubauwohnungen landesweit um rund 15% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Die Erweiterung des sozialen Wohnungsbaus (billige Mietwohnungen, günstige Eigentumswohnungen, Wohnungen mit Flächen- und Preisbeschränkungen) kommt hingegen trotz gezielter Förderung nur schleppend voran. Nur widerstrebend folgen die Lokalregierungen dem Drängen der Zentralregierung, da für sie Erschließung, Bau und Verkauf von Wohnungen der gehobenen bis Luxuspreisklasse deutlich lukrativer sind.
Analysten gehen davon aus, dass neue Nachfrageimpulse nach Handels- und Büroflächen vor allem in den Second-Tier-Städten stabilisierend wirken und die Talsohle in den meisten Fällen durchschritten sein dürfte. Große in- und ausländische Super- und Hypermärkte setzen ihren aggressiven Expansionskurs in die Second- und Third-Tier-Städte fort. Allgemein wird eine Erholung des Umsatzes im Büro- sowie Handelsflächensegment im 1. Quartal 2010 attestiert. Nach einem Zuwachs von 66,9% des Handelsflächenumsatzes 2009 stieg er im 1. Quartal 2010 gegenüber dem Vorjahresquartal um 49,5%. Der anhaltende Konjunkturaufschwung wird auch 2010 für eine positive Entwicklung sorgen.
Trotz sektoraler Überkapazitäten sind extreme Härten bislang für den Bauzuliefersektor ausgeblieben. Die Produktion der wichtigen Bereiche Zement, Flachglas oder Stahl legte in den ersten Monaten fünf Monaten 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bislang überall zweistellig zu.
Bereits 2009 hatte die Regierung auf die wachsenden Überkapazitäten bei den Bauzulieferern reagiert und im Bau befindliche Anlagen beispielsweise in den Bereichen Zement- oder Flachglasherstellung einer Überprüfung unterzogen. Im Januar 2010 beschloss die National Development and Reform Commission (NDRC) weitere Maßnahmen zur beschleunigten Abschaltung veralteter Anlagen unter anderem in den Bereichen Kohle, Koks, Stahl, Eisenlegierung, NE-Metallurgie, Zement und Flachglas. Der Bau neuer Produktionskapazitäten wird durch strengere Umweltverträglichkeitsprüfungen, Umweltauflagen während der Produktion, differenzierte Strompreisgestaltung für die Industriebereiche sowie eine Beschränkung der für derartige Projekte zur Verfügung stehenden Bauflächen erschwert werden.
Inwieweit die bisherigen Maßnahmen tatsächlich greifen, bleibt abzuwarten. So dürften nach Einschätzung der China Building Material Industry Association 2010 weitere 160 bis 170 Zementproduktionslinien in Betrieb gehen. Nur eine tatsächliche Abschaltung veralteter Anlagen kann ein Überangebot verhindern. Von der Regierung geförderte Konzentrationsprozesse, von denen häufig staatsnahe Unternehmen profitieren, sollen ebenfalls zur Marktbereinigung beitragen. |